Mundus vult decipi, ergo decipiatur!
Der Leistungs- und Spitzensport steht für Fairness, Disziplin und den stetigen Willen, das eigene Potenzial voll auszuschöpfen. Doch dort, wo höchste Leistungen gefordert werden, entsteht auch der Druck, Grenzen zu überschreiten. Doping und der Missbrauch leistungssteigernder Substanzen stellen dabei eine ernste Bedrohung für die Glaubwürdigkeit des Sports – und nicht zuletzt für die Gesundheit der Athletinnen und Athleten – dar.
Umso wichtiger ist es, dieses Thema offen anzusprechen und kritisch zu beleuchten.
Dies tut Alwin Wagner, ehemaliger Spitzen-Leichtathlet und Diskuswerfer, mehrfacher Deutscher Meister und international erfolgreicher Athlet. Er hat sich seit vielen Jahren der Aufklärung über Doping und ethische Werte im Sport verschrieben und kann nicht nur aus theoretischer, sondern auch persönlicher Erfahrung sprechen. Mit seinem Engagement trägt er wesentlich dazu bei, junge Sportlerinnen und Sportler für die Gefahren und Konsequenzen des Dopings zu sensibilisieren.
Über den RTZ-Leichtathletiktrainer Wilfried Beschorner gelang es, Herrn Wagner für den diesjährigen RTZ-Vortragsabend zu gewinnen, der mittlerweile eine feste Institution im Jahreskalender der Rabanus-Maurus-Schule geworden ist. Der Referent zeigte auf, wie er in der „Goldenen Dekade“ des hemmungslosen Dopings von 1978 bis 1988 das teilweise staatlich geduldete oder sogar organisierte Doping-System erlebt hat. Ärzte, Trainer, Funktionäre und auch Politiker machten sich laut Wagner aufgrund von jeweils eigenen Interessen schuldig und stellten den sportlichen Triumph über die Menschlichkeit. Und dies habe nicht nur im Ostblock stattgefunden, wie oftmals angenommen werde, sondern auch in der westlichen Staatengemeinschaft. Wagner berichtete von seinen Erfahrungen in der Bundesrepublik und verdeutlichte an seinem Beispiel, wie ein junges Nachwuchstalent systematisch in den Dopingsumpf getrieben wurde, weil es die einzige Chance war, in die sportliche Weltspitze vorzustoßen. Auch die Wirkungen und katastrophalen Folgen des Dopings für die Gesundheit der Athletinnen und Athleten wurden von Wagner eindrücklich aufgezeigt. Als mahnendes Beispiel ging er auf die Westdeutsche Birgit Dressel ein, die 1987 aufgrund von Doping in jungen Jahren verstarb. Auch die DDR-Sportlerin Heidi Krieger, die noch heute aufgrund von jahrelanger Anabolikaeinnahme im Körper eines Mannes lebt, stellte Wagner vor.
Der Referent wies zudem darauf hin, dass das Thema Doping auch heute noch sehr aktuell ist. Moderne Methoden seien aber immer raffinierter und schwieriger nachzuweisen, auch wenn Doping oft im Nachhinein über eine Probenanalyse erkannt werde und der „Medaillienspiegel der Schande“ wachse. Wie in den 80er-Jahren seien die Doper den Fahndern aber meist einen Schritt voraus. „Mundus vult decipi, ergo decipiatur – Die Welt will betrogen sein, dann sei sie betrogen“ folgerte Wagner. „Solange es Sport gibt, wird es Doping geben“ war das Fazit des Referenten. Ob die KI-Revolution eine neue Chance sei, verborgene Muster, ungewöhnliche biologische Werte oder bislang unbekannte Substanzprofile zu erkennen, werde die Zukunft zeigen. Wichtig sei in jedem Fall die Warnung der Nachwuchsathletinnen und -athleten, denn der Preis des Dopings sei hoch.
Im Anschluss an seinen beeindruckenden Vortrag stand der Referent dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Dieses nutzte die Gelegenheit gerne, zumal Alwin Wagner aus eigener Erfahrung und mit bestechender Ehrlichkeit antwortete.
Bastian Michel