Vom Imperium Romanum bis zur Europäischen Union – der Traum von den Vereinigten Staaten von Europa
Wie jedes Jahr hatte sich unsere Oberprima Mitte November in unserer Aula versammelt, um sich im Rahmen des Politikunterrichts mit einer außen- und sicherheitspolitischen Fragestellung auseinanderzusetzen. Hintergrund ist die Kooperation unserer Schule mit der örtlichen Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP).
Auch diesmal hatte der Sektionsvorsitzende Michael Schwab wieder einen sehr interessanten Referenten organisiert: Der Jurist und ehemalige Diplomat Dr. Claas Dieter Knoop trug zum Thema „Die Vereinigten Staaten von Europa – Wunschtraum oder realistisches Ziel der Europapolitik im 21. Jahrhundert“ vor. Dr. Knoop konnte hier aus eigener Erfahrung sprechen, zumal er viele Jahre in Brüssel für die EU-Kommission tätig war.
Schnell wurde deutlich, dass der Referent ein begeistertes Mitglied der Europabewegung der ersten Stunde ist. Sein Geschichtslehrer, der die Schrecken des Zweiten Weltkrieges erlebt hatte und selbst zu den Pionieren der Europabewegung nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte, hat bei ihm das Feuer für die europäische Idee entzündet. Und so führte Dr. Knoop eindrücklich mit einem historischen Abriss das Erfolgsrezept der europäischen Einigung vor Augen: Die Römer, Karl der Große, Napoleon, Hitler und Stalin seien bei der europäischen Einigung auf gewaltsamen Weg gescheitert. Der neue Ansatz der EU nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen beruhe auf Freiwilligkeit und Kompromiss. Sicher hätte auch der Zivilisationsbruch der beiden Weltkriege den neuen Einigungsprozess ermöglicht, der zum ersten Mal in der Geschichte zu einem länger andauernden Frieden in Mitteleuropa geführt habe. Dies sei, so Dr. Knoop, sicherlich die größte Errungenschaft des europäischen Projekts, das auch weitere Erfolge vorzuweisen habe, wie den gemeinsamen Binnenmarkt, die gemeinsame Währung, die „vier Freiheiten“ oder die europaweite Rechtsgemeinschaft.
Neben diesen Aspekten ging der Referent aber auch auf die aktuellen Herausforderungen der EU ein. Die Legitimationsproblematik sprach er in diesem Zusammenhang ebenso an, wie die andauernde Migrationskrise und die zunehmende Notwendigkeit der Kriegstüchtigkeit in einem zunehmend schwierigeren internationalen Umfeld.
Der Umgang mit diesen Herausforderungen würde ausgerechnet durch das bisherige Erfolgsrezept der Einigungsbewegung, nämlich Freiwilligkeit und Kompromiss, erschwert. Der EU-Vertrag sehe nämlich die Zustimmung aller 27 EU-Mitglieder zu richtungsweisenden Reformen vor, was aktuell bei zentralen Zukunftsthemen nicht möglich sei.
Somit bleibe nur die Ausschöpfung des EU-Vertrags oder das „Kerneuropa-Konzept“, das ein „Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“ vorsehe. Da dafür derzeit aber der politische Wille fehle, zumal auch der deutsch-französische Motor aus verschiedenen Gründen stottere, sei eine Weiterentwicklung in diese Richtung kurzfristig unrealistisch.
Trotz zunehmender Europaskepsis und Reformunfähigkeit appellierte Dr. Knoop an die Schülerinnen und Schüler, die europäische Idee aktiv und konstruktiv weiterzuentwickeln und zu gestalten.
Der Vortrag war gleichzeitig der Auftakt zum Schreibwettbewerb „Mein Europa“, das die GSP in Zusammenarbeit mit dem Deutsche Journalistenverband ausgelobt hat und für die Plakatausstellung „EU on tour – Die EU auf einen Blick“, die in der Aula besucht und in den Unterricht eingebunden werden kann.
Bastian Michel