Den Eindruck einer Sackgasse könnte man gewinnen, wenn man die aktuelle Lage an der russisch-ukrainischen Front betrachtet, an der sich eine drohnengespickte Todeszone gebildet hat, die einen entscheidenden militärischen Durchbruch für beide Seiten nahezu unmöglich macht. So verwundert auch die lange Kriegsdauer nicht, denn der Ukrainekrieg hat den Ersten Weltkrieg in dieser Hinsicht bereits übertroffen, sogar wenn man seinen Beginn erst 2022 und nicht schon 2014 ansetzt. Die Entwicklung hin zu diesem Zustand, aber auch drei mögliche Szenarien für ein Kriegsende, zeigte der Militärhistoriker und Oberst a. D. Dr. Karl-Heinz-Frieser unserer Oberprima am 19.10. im Rahmen des jährlichen sicherheitspolitischen Vortrags in Kooperation mit der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) auf.

Der GSP-Vortrag ist fest im Jahreskalender der RMS verankert und ergänzt den Politikunterricht, der sich in der Qualifikationsphase mit sicherheitspolitischen Themen in der globalisierten Welt beschäftigt. Da der Referent aber auch einige historische Bezüge herstellte – etwa zum Ersten Weltkrieg oder zur Appeasementpolitik der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts – konnte auch das Fach Geschichte profitieren und den Schülerinnen und Schülern wurde deutlich, dass, wer aktuelle Politik verstehen und kompetent diskutieren möchte, auch Kenntnisse über die Vergangenheit haben sollte.

Ukraine Vortrag1

Dr. Frieser teilte seine hochinteressanten Ausführungen in zwei Teile: Zunächst ging er mit großer Fachexpertise auf den gescheiterten russischen „Blitzkrieg“ ab dem 24.02.2022 ein. Die Kämpfe um den Flughafen Hostomel wurden ebenso in den Blick genommen wie die gescheiterte russische Offensive auf Kiew und das Massaker von Butscha. In Teil 2 wurde die Schlacht um Bachmut thematisiert, die der Referent als „Verdun des 21. Jahrhunderts“ bezeichnete. Diese Schlacht, die eine der längsten der Militärgeschichte und die verlustreichste seit 1945 sei, wurde von Dr. Frieser eindrücklich analysiert, wobei der Schwerpunkt auf der „Fleischwolftaktik“ der russischen Führung und der Rolle der „Gruppe Wagner“ lag.

In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde wurden neben Kriegsendszenarios auch die Rolle Deutschlands in dieser geopolitischen Auseinandersetzung beleuchtet. Andere Nachfragen zielten auf Putins Ziele, die Ursachen des Konflikts, die Beteiligung Nordkoreas und die hochaktuellen Entwicklungen rund um die gedrosselten US-Systeme Starlink und Starshield sowie die anstehenden Midterm-Wahlen in den USA. Leider konnten aufgrund der beschränkten Zeit nicht alle Fragen beantwortet werden, was die große Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz des Themas unterstreicht. Dr. Frieser verwies zum Abschluss auf den preußischen General, Heeresreformer und Militärwissenschaftler Carl von Clausewitz: Demnach würden Kriege beendet, wenn eine Seite erkenne, dass der Preis einer Weiterführung zu hoch sei.         

Bastian Michel

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